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Aerosol-Studien zum Singen und Musizieren in Zeiten von Corona

Nach Masseninfektionen bei Chören, die zu Beginn der Corona Krise probten, führte der Bayerische Rundfunk in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Erlangen (FAU) und dem LMU Klinikum München eine Testreihe durch. In ersten Teilergebnissen der Studie legen die Wissenschaftler dar, unter welchen Gegebenheiten sie das Singen in Corona-Zeiten für gesundheitlich verantwortbar halten.

Der Studienaufbau wurde von Experten für  Sängermedizin und Strömungsmechanik so konzipiert, dass die Abstrahlung und Verteilung von größeren Tröpfchen und  von Kleinstpartikeln – den nebelartigen Aerosolen– beim Singen, Sprechen und Singen von Texten gemessen werden konnte. Hierzu bauten die Wissenschaftler 2 Versuchsanordnungen auf. In beiden Settings ließen sie an 7 Tagen  jeweils 10 Teilnehmer aus dem Chor des BR sowie zehn Bläserinnen und Bläser aus dem Symphonieorchester des BR jeweils einzeln bestimmte Passagen in verschiedenen Lautstärken singen, sprechen und spielen.

Mit Hochgeschwindigkeitskameras und Laser-Equipment wurden die ausgestoßenen Aerosol-Wolken sichtbar gemacht. Dargestellt wurde, wie  die größeren Tröpfchen von Mund und Instrument abgestrahlt werden und bei welchen Sprech- oder Gesangspassagen die größte Menge an Tröpfchen erzeugt wird. Im 2. Setting wurde mit Weißlicht dargestellt, wie die wesentlich kleineren Aerosole Mund und Nase verlassen und sich in den Raum ausbreiten. Um die Verteilung dieser Kleinstpartikel sichtbar zu machen, inhalierten die Musikerinnen und Musiker eine Trägerlösung von E-Zigaretten, die im hellen Licht sichtbar wurde.

Die Auswertung der Messungen ergab, dass Chormitglieder einen größeren Abstand nach vorne einhalten sollten als zur Seite. Nach vorne können Sängerinnen Weiten von 1 - 1,5 Meter erreichen, so dass Sicherheitsabstände von 2 - 2,5 Meter notwendig erscheinen. Zur Seite hin wurden deutlich geringere Ausbreitungen gemessen, so dass die seitlichen Abstände ab ca. 1,5 Meter gewählt werden könnten.
Bei gesungenen und gesprochenen Vokalen wurden kaum Tröpfchen sichtbar. Im Gegensatz zu den Konsonanten werden diese in deutlich geringerer Anzahl gebildet und herausgeschleudert. Aber auch hier gilt für die Sicherheit der Sänger die permanente Zufuhr von Frischluft, um die Aerosole aus der Luft zu entfernen.

Tests mit chirurgischen Masken ergaben, dass die großen Tröpfchen komplett herausgefiltert wurden, ein Teil der Aerosole jedoch leicht strahlartig nach oben und zur Seite austrat, weil die Masken an den Seiten und der Nase nicht vollständig dicht abschließen. Singen mit Maske, so die Erkenntnis, wäre durch die Verminderung der Partikelaustritte zwar eine Option, nicht aber für Profichöre, weil sehr gut artikuliert werden muss, um kleinste Nuancierungen des Klangs hervorbringen zu können.

Offene Forschungsfragen beziehen sich auf die Menge des beim Singen gebildeten Aerosols und darauf, inwieweit das tiefe Luftholen beim Singen die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, erhöht.  Die Auswertung der beim Einsatz von Instrumenten erhobenen Daten ist noch nicht veröffentlicht.

Studien der Universität der Bundeswehr in München und der Berliner Charité untersuchten die Infektionsgefährdung von Sängern und Bläsern durch Aerosole. Sie kamen zu folgenden
Empfehlungen:

Blech- und Holzbläser:

  • mindestens 1,5 Meter (Bundeswehr-Uni) bzw. zwei Meter (Charité) Abstand zur nächsten Person
  • wenn möglich dünnes Tuch etwa 20 Zentimeter vor Schalltrichter
  • Empfehlung für Plexiglas-Schutz bei Blechbläsern
  • Kondenswasser mit einem Tuch auffangen, Instrumente gründlich reinigen

andere Instrumentalisten und Sänger:

  • mindestens 1,5 Meter Abstand
  • Dirigenten auch 1,5 Meter Abstand, bei Probe besser zwei Meter

Bei Blech- und bei Holzbläsern ist der Luftstrom, den Bläser freisetzen, generell geringer als beim Sprechen. Die Wissenschaftler der Bundesehr gaben an, dass bei Blechbläsern der in Schwingungen versetzte Luftbereich weniger als einen halben Meter lang sein kann. Holzbläser wie z.B. Klarinettisten, Oboisten und Fagottisten könnten dagegen Strömungsbewegungen über einen Meter Länge erzeugen. Daher sei außerhalb dieses Bereichs eine Virenübertragung "äußerst unwahrscheinlich". Kritischer stufen beide Studien die Querflöte ein: Hier können, je nach Spiel, Luftstrom und -druck höher sein als beim Sprechen.


Ein Video und mehr gibt es unter:

https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/chor-corona-chorstudie-singen-infektionsgefahr-br-muenchen-erlangen-100.html

https://www.lmu-klinikum.de/aktuelles/pressemitteilungen/erste-ergebnisse-zu-aerosol-studie-mit-dem-chor-des-br/caf8e9f9c407a2bd

https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/corona-infektion-gefahr-musiker-blaeser-studie-charite-bundeswehr-100.html